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Cécile – Hort der Geheimnisse II –

Der Kreis

Die Dämmerung war schon weit fortgeschritten, als die junge Frau ihren Rucksack absetzte und den Besen in die Hand nahm. Ihr dunkelbraunes Haar bewegte sich sanft im Wind und die silberne, halbmondförmige Spange mit dem hellblauen Stein bildete einen guten Kontrast dazu. Sie war mit einem roten, samtenen Oberteil mit Fledermausärmeln und einem schwarzen samtenen Rock bekleidet, der an ihrer Ferse nur wenige Zentimeter über dem Boden endete und vorn nur bis knapp über die Knie reichte. Mit nackten Füßen schritt sie gemächlich auf der kleinen Lichtung umher, die mit zunehmender Dunkelheit ruhig und mystisch wirkte. Der Mond war schon in seiner vollen Pracht über den Wipfeln der Bäume zu sehen und versprach diesen Ort in sein silbernes, blasses Licht zu tauchen. Etwas, das schwer in Worte zu fassen war, lag in der Luft. Die Stimmen der Tiere des Tages verklangen, einige Fledermäuse huschten über den Himmel und die nachtaktiveren Wesen begannen munter zu werden.

Voller Hingabe fegte die Frau den Platz und befreite den felsigen Untergrund von allen Nadeln und Blättern, die der Wind hier her geweht hatte. Das Geräusch des Besens auf dem Stein und das Rascheln der Blätter ergaben eine fremde und doch vertraute Melodie. Beinahe war, es als tanzte die junge Hexe über den Boden, ihre Füße schwebten nur so über den Stein, das Haar flatterte hinter ihr her, während sie ein ums andere Mal mit dem Besen einen etwa kreisrunden Bereich säuberte.
Die Dunkelheit hatte sich schon vollständig über die kleine Lichtung gelegt, als sie endlich mit ihrem Werk zufrieden war. Langsam schritt sie zum Rucksack zurück, ging vor diesem in die Hocke und holte einige Dinge hervor. Eine Flasche mit frischem Wasser, einen kleinen Lederbeutel und eine silberne Schale legte sie links von sich ab. Ein großes Messer in einer ledernen Scheide platzierte sie nun genau vor sich und rechts von ihr fanden ein Stück Räucherkohle, ein weiteres, kleines Säckchen aus Leder und ein Räuchergefäß ihren Platz.

Weißes, langes Haar bewegte sich währenddessen sanft zwischen den tiefhängenden Ästen zweier Buchen. Der Mann hatte das Treiben auf der Lichtung bemerkt, drückte sich tief in die Schatten und beobachtete, was dort vor sich ging. In seinem Gesicht zuckte es mehrfach und die Knochen seiner Finger traten hell hervor, als er die Hand zur Faust ballte. Obwohl er gerade noch gelaufen war, ging sein Atem wieder ruhig und beherrscht und so stand er vollkommen regungslos dort und besah sich das Schauspiel, das sich ihm bot.

Die Kohle entzündete die Dunkelhaarige mit geübten Bewegungen und streute einige Körnchen Weihrauch darauf. Der sanfte Geruch verbreitete sich schnell und die junge Frau genoss den Duft sichtlich.

Einen Moment später erhob sie sich, hielt das Räuchergefäß vor sich und wedelte mit der anderen Hand den aufsteigenden Rauch fort. „Ich reinige diesen Ort mit Feuer und Luft!“, sprach sie mit fester, ruhiger Stimme und zerriss damit die Stille, die diesen Ort eingehüllt hatte. Kraftvoll erfüllte sie die Lichtung, doch der Klang störte dabei nicht die Ruhe dieses Ortes, viel mehr schien ihre Stimme ein Teil dieses Platzes zu sein, fast hatte man den Eindruck, als halte selbst der Wald den Atem an, um ihren Worten lauschen zu können. Mehrfach schritt sie umher und verteilte den feinen Geruch nach Weihrauch auf der Lichtung und wiederholte die Formel. Schließlich kehrte sie zur Mitte zurück.

Abwartend und darauf bedacht nicht gesehen zu werden, drückte sich der Mann mit den schneeweißen Haaren weiter in die Schatten. Er hatte den Kopf leicht schräg gelegt und es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht so recht wusste, was die Gestalt dort unten nun eigentlich tat. Neugier stand in seinem Gesicht geschrieben, doch in seinen blauen Augen fand sich noch etwas dunkleres, etwas, dass der Frau dort unten sehr gefährlich werden würde, wenn seine Neugier nachließ.

Nachdem sie das Räuchergefäß abgestellt hatte, nahm sie die Schale und goss das Wasser in diese hinein. Dann entleerte sie den ledernen Beutel ebenfalls. Vorsichtig nahm sie die Schale auf, rührte die Flüssigkeit mit dem Finger durch und begann dann den Ort mit dem Wasser zu besprenkeln. „Ich reinige diesen Ort mit Wasser und Erde“, verkündete sie, schritt weiter umher und wiederholte auch diese Worte mehrfach.

Er duckte sich tiefer in die Schatten, als sie sich direkt in seine Richtung wandte. Die Neugier war verschwunden und blanker Hass war an ihre Stelle getreten. Vollkommen regungslos beobachtete er, wie sie weiterhin die Flüssigkeit verteilte und dabei mehrfach diese Formel aussprach. Schließlich stellte sie auch die Schale ab, griff nach dem Messer und zog dieses aus der Scheide. Der Mond fing sich auf dem Stahl der Klinge und ließ ihn gefährlich aufblitzen.

Mit dem Messer in der Hand trat sie an den Rand des von ihr gereinigten Bereiches. Die Spitze der Waffe wies auf dem Boden und mit gemächlichen Schritten ging sie einen Kreis. Fest klang ihre Stimme, als sie dabei sprach: „Ich erschaffe einen Raum, jenseits dieses Raumes. Ich erschaffe einen Ort jenseits dieses Ortes. Ich erschaffe eine Zeit, jenseits dieser Zeit.“ Sie schien keine Eile zu haben, weder beim dreifachen Umschreiten des Kreises, noch bei den rituellen Worten, die sie dabei aussprach.

Im Norden beendete sie das Ziehen des Kreises und sie hob die Arme. Das Messer blitze erneut im Licht des Mondes auf. „Dreimal habe ich den Kreis umschritten, kommt her ihr Mächte, lasst euch bitten. Kommt mit Feuer, kommt mit Wasser, kommt mit Luft, und kommt mit Erde, auf das der Kreis geweiht sein werde.“
Die Luft auf der kleinen Lichtung schien zu vibrieren und im Nacken des Beobachters stellten sich die Härchen auf. Entschlossenheit stand auf seinem Gesicht und er suchte die Lichtung und den Wald mit seinen Augen nach anderen Bedrohungen ab. Dann kehrte sein Blick zu dem Menschen auf der Lichtung zurück.
Währenddessen war die Hexe an den östlichsten Punkt getreten, zeichnete ein aufrechtstehendes Pentagramm mit dem Messer in die Luft und sprach: „Ich rufe dich Wächter des östlichen Tores, Herr des Ostwindes und Herr des Luftelements. Herr über die Geister der Luft, komme herbei und segne meinen Kreis. Euros, bi än scho änisch, Euros, bi än scho änisch, Euros, bi än scho änisch.“

Bei den fremdartigen Worten verharrte er wieder still und blickte aufmerksamer hinab auf die Lichtung, derer er sich langsam im Schutz der Dunkelheit näherte. Ein Raubtier auf der Jagd, dass sich seiner Beute schon sehr gewiss war. „Sei mein Gast, sei willkommen!“, drang die Stimme der jungen Frau zu ihm herüber. Dann wandte sie sich um und und schritt auf dem südlichsten Punkt ihres Kreises zu. Als sie den Arm mit dem Messer hob, schlich er weiter.

„Ich rufe dich Wächter des südlichen Tores, Herr des Südwindes und Herr des Elementes Feuers. Herr über die Geister des Feuers, komme herbei und segne meinen Kreis. Nothus, bi än scho änisch. Nothus, bi än scho änisch. Nothus, bi än scho änisch“ auch bei diesen Worten zog sie ein aufrechtstehendes Pentagramm in die Luft. „Sei mein Gast, sei willkommen!“

Beide setzten ihren Weg fort. Der Mann näherte sich wie ein Schatten weiterhin der Baumgrenze, während sie den westlichsten Punkt erreichte. Erneut erklang ihre Stimme fest und ohne ein Zögern: „Ich rufe dich Wächter des westlichen Tores, Herr des Westwindes und Herr des Elements Wasser. Herr über die Geister des Wassers, komme herbei und segne meinen Kreis. Zephyrus, bi än scho änisch. Zephyrus, bi än scho änisch. Zephyrus, bi än scho änisch. Sei mein Gast, sei willkommen!“ Auch dieses Mal zog sie das aufrechtstehende Pentagramm in die Luft.

Noch immer außer Sicht der jungen Frau verharrte er kurz und beobachtete noch einmal ihr tun. Er konnte offensichtlich nicht so recht einschätzen, was die Gestalt dort gerade vorhatte und doch war er fest entschlossen seinen Plan in die Tat umzusetzen. Seine Augen wanderten weiter, suchten die Bäume, Büsche und Schatten rund um die Lichtung ab, doch nichts schien sein Interesse zu erregen. Vorsichtig schlich er weiter, im Schutz der Bäume um den Ritualplatz herum, dabei galt seine Aufmerksamkeit im Moment weniger der jungen Frau, sondern mehr seiner Umgebung, doch so wie es schien, war niemand außer ihnen dort.
Im Norden angekommen, erhob die Frau erneut die Klinge und begann das Schutzsymbol in die Luft zu ziehen, während sie rief: „Ich rufe dich Wächter des nördlichen Tores, Herr des Nordwindes und Herr des Elements Erde. Herr über die Geister der Erde, komme herbei und segne meinen Kreis. Boreas, bi än scho änisch. Boreas, bi än scho änisch. Boreas, bi än scho änisch. Sei mein Gast, sei willkommen!“

Er hatte die Lichtung nun einmal umrundet, doch es blieb dabei. Außer ihr waren keine Menschen hier draußen unterwegs. Eisige Kälte stand in seinem Blick, als er den ersten Schritt zwischen den Bäumen hervortrat.

Die junge Frau hatte sich herumgedreht und blickte nun in die Mitte des Kreises. Ohne zu zögern fuhr sie fort: „Ich rufe die Macht der Mächte und verneige mich in Demut vor euch. Ich bin eure Tochter. Mutter allen Seins, deine Krone ist der Himmel und jeder Stern ist ein Edelstein. Vater, dein Angesicht ist das Dunkel des Universums. Mutter, ich rufe dich bei deinen alten Namen: Isis, Astarte, Diana, Hekate, Demeter, Kali, Inana, Freia. Vater, ich rufe dich bei deinen alten Namen: Ra, Jupiter, Jave, Shiva, Cernunos, Nana, Wotan, Zeus. Seid bitte meine Gäste bei diesem Ritual. Schenkt mir Macht und Kraft. Leitet mich durch eure Weisheit. Leitet mich bitte in meinem Ritual. Seid meine Gäste. So sei es! Gesegnet sei es! Seid willkommen!“ Sie verneigte sich tief vor der Mitte des Kreises und wirbelte dann herum, als sie eine Bewegung wahrnahm.

Sie sah die Gestalt, die sich wie eine Raubkatze auf der Jagd näherte. Das Gesicht des Mannes mit den langen, weißen Haaren war schön, die Augen leuchteten schon aus der Entfernung heraus in einem so intensiven blau, dass es fast schon unnatürlich wirkte. Um seinen Mund lag ein harter Zug und auch in seinen Augen war keine Freundlichkeit zu entdecken. Genau wie sie selbst war er barfuß im Wald unterwegs, sonst trug er nur eine schmuddelige und verschlissen wirkende, graue Hose und ein einfaches graues T-Shirt, dass sich über einen muskulösen Oberkörper spannte und ebenfalls schmuddelig und abgenutzt wirkte.
Furcht trat in das Gesicht der jungen Frau und eine Spur Unglauben. Sie war überrascht und unsicher, trat von einem Bein auf das andere und schien nicht genau zu wissen, was sie nun tun sollte. Sie hob das Messer und deutete mit der Klinge auf den Mann, der sich weiter näherte. Nur noch wenige Meter trennten ihn von der unsichtbaren Linie, die sie gezogen hatte und von der sie nicht ganz sicher war, ob es ihn aufhalten würde. In den Augen, die sie an eine unberührte Lagune erinnerten, sah sie es kalt und sehr gefährlich aufblitzen, als sein Blick auf das Messer fiel, doch er schreckte nicht vor der Waffe zurück, obwohl er selbst offenbar unbewaffnet war. Ihr Atem beschleunigte sich und sie wich zurück, achtete aber darauf, den Kreis nicht zu verlassen.

Etwas ließ ihn langsamer werden und er verharrte dort, wo sie die Grenze ihres Kreises festgelegt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, begann er dieser Barriere zu folgen und den Kreis von außen abzuschreiten. Dabei sah er aus, wie ein Raubtier, das dem Verlauf seines Gehegezaunes folgte auf der Suche nach einer Schwachstelle.

Darauf achtend immer innerhalb des Kreises zu bleiben, wich die junge Hexe dem Mann aus. „Du bist nicht willkommen, GEH!“, forderte sie nachdrücklich, doch diesmal klang ihre Stimme nicht mehr ganz so fest und selbstsicher wie zuvor. Der Fremde zeigte auch keine nennenswerte Reaktion, nur in seinen Augen blitze es noch wütender auf, als sie ihm diesen Befehl erteilte.

Als er den Kreis einmal komplett umschritten hatte, blieb er stehen, hob die Hand und streckte diese nach der unsichtbaren Barriere aus. Es zischte gut vernehmlich und er riss die Hand zurück, als habe er auf eine heiße Herdplatte gefasst. Die junge Frau war deutlich überraschter als der Fremde, der sie nun aus schwarzen Augen musterte. Das strahlende, reine Blau war einer ölig, schwarzen Fläche gewichen, die keine Iris und kein weiß mehr hatte. Entsetzt und schockiert schlug sich die Dunkelhaarige die Hand vor den Mund und griff die Waffe ein wenig fester. „Dämon!“, entfuhr es ihr und pures Entsetzen und reiner Unglaube lagen in diesem einen Wort. Die Hand, die die Klinge hielt, begann deutlich zu zittern. Ein weiteres Mal hob er die Hand, diesmal behutsamer und darauf gefasst, was passieren würde und auch diesmal ließ sich ein leises Zischen vernehmen und wieder riss er die Hand zurück. Er wirkte sehr wütend und immer wieder zuckte es leicht in den ebenmäßigen Gesichtszügen des Mannes, der kaum älter als Mitte zwanzig sein konnte und doch vollkommen fremdartig wirkte.

Keiner von ihnen regte sich. Nur der Wind strich über die Lichtung, auf der sich die beiden nun gegenüberstanden. Die junge Hexe zitterte vor Furcht und überlegte sichtlich angestrengt, was sie nun tun sollte. Ihr entging nicht, dass seine Augen schon bald wieder dieses hypnotische Blau angenommen hatten, das ihr schon bei seiner Annäherung an ihren Kreis aufgefallen war.

Sein Blick glitt über das Messer in ihrer Hand. Er registrierte, dass es nicht so aussah, als ob sie mit der Klinge umgehen könnte. Dann zog die Schale seine Aufmerksamkeit auf sich und er maß sie mit einem kurzen Blick. Doch als er wieder in ihr Gesicht sah, erkannte er, dass er einen Fehler gemacht hatte, denn ihr Blick war seinem gefolgt, und nun griff sie nach der Schale. Es sah unsicher aus und nicht so, als wüsste sie, was damit zu tun sei, doch er wich instinktiv einen Schritt zurück.
„Ich will dir kein Leid zufügen, also geh einfach!“, forderte sie ihn auf. Ihre Stimme klang dabei voller Furcht und doch schwang eine unsichere Drohung in den Worten mit. In der einen Hand das Athame, in der anderen die Schale mit dem restlichen Salzwasser stand sie nun da und kam sich dabei mächtig albern vor. Wenn sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass das hier kein Spaß war, dann hätte sie wohl gelacht, doch so wartete sie einfach ab und versuchte nicht darüber nachzudenken, wieso etwas Salzwasser diesem Wesen solches Unbehagen bereitete.
Wieder zuckte es im Gesicht des Mannes und nur träge machte er einen weiteren Schritt zurück. Der Ärger stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch dann wandte er sich tatsächlich ab und entfernte sich eilig. Die junge Frau atmete auf und beobachtete, wie seine Gestalt zwischen den Bäumen verschwand und schon bald von der Dunkelheit verschluckt wurde. Langsam senkte sie die Waffe und entspannte sich ein klein wenig. Dann trat sie an den Rucksack heran, goss das restliche Wasser weg und räumte alles soweit wieder ein. Immer wieder blickte sie sich um, doch die Kreatur blieb verschwunden.

Nicht mehr ganz so selbstsicher und deutlich furchtsamer, flüsterte sie dann: „Mutter und Vater ich danke euch dafür, dass Ihr hier wart und mich unterstützt habt. Schützt mich in meinen täglichen Leben und gebt mir euren Segen.“ Unsicher und sehr vorsichtig trat sie wieder an den nördlichsten Punkt des Kreises. Mit zittriger Hand hob sie das Messer verharrte aber und rührte sich nicht, während ihr Blick die Wälder absuchte.

Von einem stabilen Ast aus blickte der Weißhaarige zurück zur Lichtung. Er hatte die Stirn gerunzelt und betrachtete kurz die leichte Rötung auf seiner Hand. Dann blickte er zu der Frau hinab und legte den Kopf leicht schräg. Entschlossenheit lag noch immer auf seinen Zügen, während er geduldig beobachtete, was die Frau dort nun weiter tat.

„Boreas, Herr des Nordwindes ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin wo hin du musst.“ Sie sprach leise und gedämpft und sehr eilig. „Nichts gehört.“

Dann eilte sie weiter nach Westen. Wieder glitt ihr Blick über die Bäume, dann erst hob sie ihre Hand und zeichnete das bannende Pentagramm in die Luft und sprach: „Zephyrus, Herr des Westwindes ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wo hin du musst. Nichts gesehen.“ Schon machte sie sich auf den Weg zum südlichsten Punkt ihres Kreises.

Sofort zeichnete sie eilig das bannende Pentagramm in die Luft, ihre Augen glitten erneut über die Wälder um sie herum. „Nothus, Herr des Südwindes, ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wohin du musst.“ Nur einen kurzen Blick warf sie in die Runde, bevor sie weitereilte mit den Worten: „Niemand da gewesen.“

Im Osten angekommen warf sie noch einmal einen langen Blick dorthin, wo der Mann verschwunden war. Sie zögerte ein weiteres Mal sichtlich, dann hob sie das Athame und sprach: „Euros, Herr des Ostwindes, ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wo hin du musst. Keiner hat etwas gemerkt.“

Nun begann sie erneut den Kreis zu umschreiten und murmelte aufgeregt: „Ich schaffe den realen Raum in diesen Raum. Ich schaffe den realen Ort, an diesem Ort. Ich schaffe die reale Zeit in dieser Zeit.“ Dann schnappte sie sich ihren Rucksack und den Besen und rannte förmlich von der Lichtung.

Geschmeidig glitt der Dämon von seinem Ast und folgte der Frau, die sich eilig, wenn auch etwas umständlich von der Lichtung entfernte. Neugier stand wieder in seinem Gesicht, doch in seinen kalten, blauen Augen glomm auch immer noch ein unstillbarer Hass.

Cécile schreckte aus ihrer Vision hoch. Es war dunkel um sie herum. Sie setzte sich auf, krallte die Hände in die Bettdecke und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten, in dem sie kaum die Umrisse der Möbel erkennen konnte. Für einen Moment setzte ihr Herzschlag aus, als sie die Silhouette einer großen Gestalt an ihrem Bett erkannte. Eilig griff sie nach der Lampe, die neben ihr auf dem Nachtschrank stand, doch als das Licht den Raum flutete und sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, war niemand mehr zu sehen. Mit schnell schlagendem Herzen schaute sie sich um, doch das Zimmer blieb leer. Obwohl es sicher albern war, beugte sie sich hinab und warf sogar einen schnellen Blick unter das Bett.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ihre Visionen ihr in das Wachsein hinein folgten und wäre da nicht dieser unheimliche Kerl, der nur wenige Meter entfernt war, dann hätte sie wohl auch nicht viel darauf gegeben. Doch Lucien war nun mal hier und sicher war sicher.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und schlich zur Tür hinüber. Sie betätigte die Klinke, doch die Tür war verschlossen. Sie atmete auf und schalt sich selbst eine Idiotin. Trotzdem glaubte sie nun auch noch den unverkennbaren Geruch nach Sandelholz und Weihrauch wahrzunehmen. Cécile mochte den Geruch von Weihrauch. Sie dachte einen Moment über diesen Fakt nach und schließlich kam sie zu der Einsicht, dass ihr dieser Duft ihr sicher noch aus der Vision heraus in der Nase lag und sie sich den Rest einfach eingebildet hatte. Allein die Vorstellung, dass es etwas anderes als Spuren ihrer Gabe sein könnten, bereitete ihr Unbehagen. Schnell huschte sie zurück ins Bett und kletterte unter die noch warme Decke. Sie hatte keine Anhaltspunkte dafür, wo sich die junge Hexe befunden hatte und selbst wenn sie es gewusst hätte, würde sie wohl zu spät kommen, um an dem Schicksal, das ihre bevorstand noch etwas zu ändern. Geistern entkam man nicht, das hatte sie in ihren Visionen mehr als einmal erleben müssen. Sie seufzte, kramte in ihrem Nachttisch nach einem kleinen Büchlein und einem Stift und notierte sich die Vorgänge kurz. Dann gähnte sie herzhaft und beschloss sich noch etwas Schlaf zu gönnen, der morgige Tag würde vermutlich anstrengend genug werden, denn immerhin musste sie es irgendwie schaffen, den Fremden wieder loszuwerden.

Fortsetzung folgt …

Über echte Wandler

Auszug aus der Chronik „Die erwachte Welt – Band 2: Katalogisierung der Rassen und Fähigkeiten“ von Wilhelm, Cornelius Ackermann, Gelehrter und Hexer (2003)

Gestaltwandler oder, um Verwechslungen zu vermeiden, kurz Wandler oder echte Wandler sind eine gar merkwürdige Spezies. Sie verfügen nicht nur, wie von vielen angenommen, über die Gabe ihre Form zu verändern und zu einem Tier zu werden, welches weiterhin auch über andere Wege und Subspezies möglich wäre, sondern beherbergen in ihrem Innern tatsächlich so etwas wie eine zweite, tierische Seele.
Aufgrund dieser natürlichen Persönlichkeitsspaltung galten Wandler seit jeher als unberechenbare Erwachte. Sie lebten ausgeschlossen von der sonstigen Gesellschaft in kleinen Familienbanden oder größeren Rudeln zusammen und blieben sowohl territorial als auch sozial unter sich. Maßgeblich durch Angriffe von Wandlern in Tierform oder wilde Tiere beeinflusst, wurden sie 1263 von Ferdinand III, als Gefährdung der allgemeinen Sicherheit eingestuft. Auf dem Konzil zu Bamberg wurde wenig später ein Orden mit besonderen Rechten gegründet und mit der Aufgabe betraut sich des Wandlerproblems anzunehmen. Des Weiteren setzte Ferdinand III eine Belohnung von 10 Brakteaten für Informationen über vorhandene Rudel aus und 50 Brakteaten für bereits erlegte Wandler aus. Darüber hinaus wies man die Wandler als Geschöpfe des Bösen aus, welches man mit ihrer tierischen Seite zu belegen versuchte, die wild und animalisch war. Kontakte zu Wandlern wurden in diesem Zuge lebensgefährlich. Obwohl diese Verordnung ursprünglich nur für Raubtiergestaltwandler galt, fielen ihr auch alle anderen, weniger aggressiven Wandler zum Opfer.
Obwohl Wandler gefährliche Gegner waren, trieb die gezielte Jagd sie an den Rand der Ausrottung. Aus einem Bericht von Friedrich Kästner zu Wittenberg um 1650 geht hervor, dass das letzte große Rudel in Europa ein Wolfsrudel bei Tschernigoro war, welches auf dem russischen und dem litauischen Herrschaftsbereich sein Territorium hatte. Dies war die letzte große Sichtung eines Rudels bis 1817, wo noch einmal von einem kleinen Luchsrudel in den Wäldern des Harzes die Rede ist. Im Zuge dieses erneuten Aufkommens eines Raubtiergestaltwandlerrudels, kam es zur vollständigen Ausrottung des Luchses und auch des Wolfes in Deutschland.
Heute gelten echte Wandler als nicht mehr existent, was allerdings ein Irrglaube ist. Einzelne Individuen haben überlebt und leben ähnlich versteckt wie Venatoren oder andere aggressive Spezies. Obwohl es keine offizielle Jagd auf Wandler mehr gibt, werden sie doch immer noch verfolgt und so wird gemunkelt, dass so mancher, der es sich leisten kann, einen Wandler in seinem persönlichen Zoo hält, wo sie mit chemischen Mitteln in ihrer Tierform gehalten werden.
Über das Verhalten und die Lebensweise der Wandler ist nicht viel bekannt und das, was aus dem Mittelalter überliefert ist, wirkt verklärt und stark dramatisiert und ist wohl kaum als geeignete Beschreibung anzusehen.

Der Jagdtrieb beim Venator

Ein Kuriosum ersten Grades ist der Trieb, der den Homo Egeiro Kynigos innewohnt. Nicht nur, das sie mit ihren körperlichen Begabungen und erweiterten Sinnen explizit geeignet sind, andere erwachte Kreaturen zu entdecken und zu verfolgen, Venatoren werden von ihrer Natur dazu gezwungen.

Der wohl häufigste, wenn auch unzureichende, Vergleich ist der zum Spieltrieb einer Katze oder zum Jagdtrieb eines Hundes. In jedem Venator wächst mit der Zeit ein Drang an, Dinge zu verfolgen und zu unterwerfen. Er ist bei verschiedenen Exemplaren verschieden ausgeprägt, doch ist allen gemein, das er stärker wird, wenn man ihm nicht nachgibt.

In extremen Fällen wird irgendwann jede schnelle Bewegung zum Ziel, man hat sogar davon berichtet, dass, von unaufhaltsamem Jagdtrieb gepackt, überreizte Venatoren vorbeifahrende Motorradfahrer auf Autobahnen angefallen haben – oft mit tödlichem Ausgang für beide Beteiligten.

Manche Quellen berichten, dass ein gut ausgelebter Jagdtrieb eine Art erweitertes Fangen- und Parcourspiel sein kann, und gemäß Andeutungen aus der Antike müssen Venatoren in die Gesellschaft integrierbar sein. Doch überwiegt gerade in moderner Zeit immer wieder das Bild vollkommen derangierter Monster, die, Sklaven ihres Instinkts, unschuldige Erwachte bis zur Erschöpfung hetzen, und dann auf unterschiedliche grausame Methoden ermorden.

Prof. Dr. rer. nat. Eleysius Bornkamp, h.c

Cécile – Hort der Geheimnisse I –

Der Besuch

Wild wogte die See gegen die scharfen Felsen der Klippen. Bleiern und schwer trieben die Wolken träge heran und kündeten von einem weiteren Unwetter. Der Wind brachte die Äste der großen Eiche, die sich in der kargen Erde am oberen Rand der Klippen festkrallte, zum Ächzen und es klang fast, wie das Stöhnen eines alten Mannes. Kalter, salziger Wind ließ das blonde Haar im Wind flattern und zerrte an den Kleidern der jungen Frau, die mit weit ausgebreiteten Armen am Rande der Klippe stand. Nur ein einziger Schritt trennte sie von dem tödlichen Fall in die schäumende Brandung unter ihr.

In ihr herrschte eine tiefe Ruhe, die durch kein Gefühl und keinen Gedanken gestört wurde. Nur das leichte Kratzen ihrer Gabe und den Wind, der an ihr riss und sie zurückzudrängen suchte, nahm sie wahr. Die Blätter des Baumes rauschten neben ihr und die Äste knarrten leise in der steifen Brise, die über das Meer kam. Die Möwen waren verstummt und nur gelegentlich drang das Klappern eines nicht festsitzenden Fensterrahmens an ihr Ohr. In der Luft lag der schwere Geruch nach Regen und Salz, eine Mischung, die ihr überaus vertraut war und die sie an ihre frühe Kindheit erinnerte.

Cécile öffnete langsam ihre Augen, die die Farbe des aufgewühlten Meeres tief unter ihr angenommen hatten. Ihr Blick glitt über die tiefhängenden, fast schwarzen Wolken am Horizont. Dann wandte sie sich der Gestalt zu, die völlig lautlos an sie herangetreten war und deren Gegenwart sie mehr intuitiv spürte, als sie sie über ihre Sinne wahrnahm. Weniger als eine Armeslänge von ihr entfernt war der Neuankömmling stehen geblieben.

Der Mann mit den eiskalten, schwarzen Augen stand dort und begutachtete sie. Er wirkte anziehend, jedoch nur solange sie ihn lediglich von weitem sah. Er hatte kurzes, pechschwarzes Haar, ein angenehmes, maskulines Gesicht mit heller Haut und ausdrucksstarken Gesichtszügen. Dazu trug er ein blütenweißes Hemd und schwarze Hosen sowie Schuhe. So sah er jedesmal aus, wenn er zu ihr kam und wie immer, wenn sie ihm begegnete, stellten sich die feinen Härchen in ihrem Nacken auf. Dies geschah nun seit fünf langen Jahren, in denen sie quasi nichts über den Mann erfahren hatte, der alle paar Wochen kam, um sie nach ihrer Gabe zu befragen. Doch diesmal war sein letzter Besuch schon acht Monate her und in dieser Nacht hatte sie ihn auch das erste Mal anders gesehen. In dieser Nacht war sein Hemd nicht mehr blütenweiß gewesen, sondern rot vom Blut eines Mannes, den er getötet hatte. Ein Frösteln überlief sie und sie schlang die Arme um den Körper, plötzlich war ihr kalt und seine Gegenwart behagte ihr noch weniger als sonst.

Wie lange stehst du schon so da?“, brach Cécile nach einiger Zeit das Schweigen, das ihr unangenehm zu werden begann.

Langsam glitt sein Blick von ihrem Gesicht hinab, über das beigefarbene Shirt, die abgeschnittene Jeans, ihre geraden, nackten Beine bis hinunter zu ihren bloßen Füßen. Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. In seinem Gesicht regte sich nicht und dann blickte der Mannes wieder auf und sah ihr in die Augen. „Hast du Angst vor mir?“ Seine Stimme war leise, aber trotzdem klar zu verstehen.

Sofort tauchten Bilder vor ihrem geistigen Auge auf. Blut auf dem weißen Hemd, die eine Hand hielt das aus dem Körper gerissene Herz des Angreifers, der leblos zusammensackte. Eilig schüttelte Cécile den Kopf und vertrieb so die schrecklichen Bilder dieser grauenvollen Nacht. Um nichts in der Welt würde sie zugeben, dass er eine unbestimmte, aber dennoch starke Angst ihn ihr auslöste, dies hatte sie noch nie und Cécile hatte sich vorgenommen, es dabei zu belassen. Mit Hilfe eines Haargummis, welches sie aus der Tasche ihrer Jeans holte, band sie sich die Haare zusammen, die der Wind ihr immer wieder ins Gesicht trieb, dann straffte sie sich und schaute ihm fest in die Augen, bemühte sich, seinen durchdringenden Blick standzuhalten, während sie sich erkundigte: „Gibt es denn einen Grund dafür?“ Leicht kribbelte die Furcht in ihrem Nacken und ihr wurde deutlich bewusst, dass direkt hinter ihr ein Sturz in den Tod auf sie lauerte. Obwohl der Mann ihr in dieser Nacht wahrscheinlich das Leben gerettet hatte, sorgten die Erinnerungen dafür, dass sie seine Gegenwart als noch anstrengender empfand, als jemals zuvor.

Viele“, war die schlichte, kalte Antwort, die Cécile schlucken ließ. Unmöglich war es ihr zu sagen, ob er dies ernst meinte oder sie nur auf den Arm nahm. Von fern rollte der Donner heran. Ein Vorbote des Unwetters, welches bald über diesen Ort hinweg rollen würde. Ein großer, eiskalter Tropfen klatschte auf ihren Kopf und sie fuhr vor Schreck zusammen.

Einen Moment blickte sie dem Mann zumindest ins Gesicht, vermied es aber, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Es wird hier draußen gleich ungemütlich, wir sollten reingehen.“ Bei diesen Worten klang ihre Stimme bei weitem nicht so fest, wie sie sich das gewünscht hätte. Der Mann rührte sich nicht. Es kostete sie einigen Mut, so nah an ihm vorbeizugehen, dass ihr Arm den Stoff seines Hemdes streifte. Sie spürte die Wärme auf ihrer Haut. Er roch nach Zedernholz und Weihrauch, kein unangenehmer Geruch, exotisch und ein wenig mysteriös, genau wie der Mann, von dem er ausging. Eilig bewegte sie sich auf das große, unheimliche Gemäuer zu, in dem sie seit einigen Monaten lebte und das ihr nie zuvor so fremd und leer vorgekommen war. Die kleine Burg war direkt auf der Klippe erbaut worden und umgeben von einer dicken und hohen Mauer, bei der sich Cécile schon in jungen Jahren immer wieder gefragt hatte, ob diese jemanden draußen oder etwas drinnen hielt. Die Festung stand hier seit einigen Jahrhunderten und hatte, wie sie von ihrem Großvater wusste, eine sehr bewegte Vergangenheit. Wieder einmal fragte sie sich, wieso sie hierher zurückgekommen gekommen war, und wandte ihren Blick erst kurz nach hinten, als sie die Tür erreicht hatte. Sie ließ den Mann ein, der ihr gefolgt war und schloss die Tür genau in dem Moment, wo der Himmel seine Schleusen öffnete. Cécile atmete auf und griff nach dem Handtuch, das in Griffweite der Tür gelegen hatte und ihr von dem Fremden gereicht wurde. Schnell wischte sie sich ihre nackten Füße halbwegs trocken, dann steckte sie diese in ein paar rote Badeschuhe. Das Handtuch ließ sie an der Tür zurück.

Nur kurz schielte sie zu ihrem Begleiter hinüber, der sie beobachtete, dann lenkte sie ihre Schritte durch die düstere Eingangshalle, in der zwei einsame Ritterrüstungen Wache hielten. An den Wänden hingen Gobelins, die vor allem Jagdszenen zeigten. Nichts Besonderes, wenn man einmal davon absah, dass dort nicht auf Hirsche oder Wildschweine Jagd gemacht wurde, sondern auf Werwölfe, Vampire und anderes erwachtes Zeug. Wie ein dunkler Schatten folgte der Mann ihr. Die Treppe hinauf, einige Gänge entlang, vorbei an vielen Türen und schließlich hinein in ein kleines, gemütliches Zimmer mit einem Kamin, in dem ein Feuerchen loderte. Cécile schaltete das elektrische Licht nicht ein, sondern setzte sich in einen der Sessel, der direkt vor dem flackernden Kamin stand. Ohne auf eine Aufforderung zu warten, tat es der Mann ihr gleich.

Es war eine bescheuerte Idee hier her zu kommen.“ Cécile rieb sich über die Arme, da sie immer noch leicht fröstelte, war sich aber nicht sicher, ob diese Reaktion durch die Kälte oder den Mann ausgelöst wurde. Jetzt wo ihr Großvater nicht mehr hier war, kam ihr dieser Ort unheimlich und trostlos vor. Ganz anders, als sie ihn in Erinnerung hatte. Es kostete sie einige Überwindung, dem Mann in die dunklen Augen zu sehen, denen nichts zu entgehen schien.

Warum?“ Er hatte den Kopf schräg gelegt und seine Stimme hatte einen etwas anderen Klang, als sonst. Diese einfache Frage erstaunte Cécile ungemein, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass er etwas sagen würde. Bis zum heutigen Tag hatte er keine Fragen beantwortet oder gestellt, die nicht im direkten Zusammenhang mit ihrer Gabe gestanden hatten. Er hatte ihr nicht einmal seinen Namen genannt bisher.

Hier wimmelt es nur so vor Geheimnissen und Dingen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob es gut wäre, sie zu entdecken. Ich fürchte, dass ich mir hier mehr Ärger einfangen werde, als ich bewältigen kann.“ Sie dachte kurz an den Angriff zurück, der ihrem Großvater das Leben gekostet hatte und den sie nur überlebt hatte, weil der merkwürdige Fremde plötzlich aufgetaucht war, sie gerettet hatte und dann ohne ein weiteres Wort wieder verschwunden war. Für sie stand es außer Frage, dass der Grund für den Überfall eines dieser Geheimnisse war.

Ich werde dich nicht mehr aus den Augen lassen.“ Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken und sie war sich absolut nicht sicher, ob das eine Drohung oder ein Versprechen war. Die Vorstellung, dass dieser mysteriöse Erwachte ab sofort häufiger in ihrer Nähe sein würde, gerade nachdem sie gesehen hatte, zu was er im Stande war, behagte ihr überhaupt nicht. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht, mit welcher Art von erwachtem Wesen sie es hier zu tun haben könnte, doch letztendlich waren alle Möglichkeiten, die ihr eingefallen waren, bestenfalls als äußerst gefährlich einzustufen.

Zwar hatte sie sich vorgenommen ihre offenen Fragen, bei seinem nächsten Besuch, zu stellen, doch ob das ein guter Plan war, daran zweifelte sie mittlerweile doch ziemlich. Trotz des unguten Gefühls setzte sie sich ein wenig auf und erkundigte sich: „Es macht dir unheimlichen Spaß, Dinge so auszudrücken, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen, oder?“ Leicht schüttelte sie den Kopf und rang sich dazu durch direkt noch zwei Fragen nachzulegen. „Und wo wir schon dabei sind, wieso bist du wieder da? Warum erst jetzt, nach über acht Monaten?“ Bei diesen Worten hatte sich ihr Herzschlag beschleunigt, obwohl sie nicht sicher war, weshalb eigentlich.

Erneut legte er seinen Kopf ein wenig schräg, runzelte kaum sichtbar die Stirn und sah sie an. Sie dachte nicht daran, klein bei zu geben, und stand auf, um einige Scheite ins Feuer zu werfen. In ihrem Leben hatte sie lernen müssen, sich auch Dingen zu stellen, vor denen sie Angst hatte und dies kam ihr nun zu Gute. Cécile wurde das Gefühl nicht los, dass sie in Teufels Küche käme, wenn sie dem Mann nicht zumindest versuchen würde Paroli zu bieten. Als sie die Holzstücke mit einem Schürhaken ein wenig besser positioniert hatte, hängte sie diesen an einen Haken und setzte sich wieder in den Sessel. Die ganze Zeit über hatte sie seinen Blick auf sich gespürt und als sie sich nun wieder Zwang ihn anzusehen, hatte er offensichtlich nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Was hast du gesehen, seit ich das letzte mal hier war?“ Mit diesen Worten überging er die gestellten Fragen auf genau dieselbe Art und Weise, wie er es immer tat. Er ignorierte sie schlicht und ergreifend. Unter normalen Umständen hätte Cécile nachgegeben und ihm gesagt, was er wissen wollte, heute allerdings, würde sie es ihm nicht so leicht machen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie ein gefährliches Spiel mit dem Feuer spielte, doch ein anderer Teil riet ihr, genau das zu tun, wenn sie wollte, dass er aufhörte sie herum zu schubsen und zu ignorieren. So lehnte sie sich im Sessel zurück und fixierte den offenen Knopf seines Hemdes.

Endlose Minuten verstrichen, in denen sich nichts rührte und nur das Knacken des Holzes die Stille durchbrach. Dann bewegte sich der Mann, legte den Kopf ein wenig schräg und zog erneut eine Augenbraue hoch. „Nein. Diese Reaktion ist nicht beabsichtigt.“ Seine Stimme klang ruhig und angenehm und doch schien eine Art Widerstand in ihr mitzuschwingen, als koste es ihn etwas Überwindung das auszusprechen.

Cécile gelang es nicht ihre Überraschung darüber, dass sie überhaupt eine Antwort erhalten hatte, zu verbergen. Sie schaute ihm ins Gesicht und beantwortete dann auch seine Frage: „In den letzten Monaten war meine Gabe relativ ruhig. Der Apepkult hat einige Amulette rausgeschickt, aber sonst war nicht viel los.“ Es viel ihr schwer nicht daran zu denken, dass die Menschen, die diese Schmuckstücke erhalten hatten, entweder bereits tot waren oder es zumindest in naher Zukunft sein würden. „Ich finde es wäre an der Zeit, dass du mir endlich mal deinen Namen verrätst.“

Es war offensichtlich, dass ihm weder die Frage noch der Tonfall sonderlich gefielen und Cécile war sich nicht sicher, ob sie nicht soeben einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte. Ihre Fingernägel gruben sich in das Polster des Sessels, während sie versuchte, seinem Blick standzuhalten. In ihrem Kopf kratze ihre Gabe an den Wänden ihres Verstandes und begehrte Einlass. Kurz kniff sie die Augen zusammen, um sie etwas hinauszuzögern. Um nichts in der Welt wollte sie jetzt eine Vision haben. Es gelang ihr tatsächlich, ihre Gabe ein wenig von sich zu schieben, und so wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Gegenüber zu. Er hatte sich etwas nach vorne gelehnt und musterte sie so intensiv, dass sie instinktiv nach hinten auswich. „Deine Gabe regt sich wieder“, stellte er interessiert wirkend fest.

Dieses plötzliche Interesse gefiel Cécile nicht sonderlich, aber sie nickte. „Ja. Ich spüre schon seit einigen Tagen, dass da etwas kommt.“

Aber du wehrst dich.“ Keine Frage, nur eine Feststellung. Wieder legte er den Kopf etwas auf die Seite, ganz so als begutachtete er ein interessantes Kunstwerk. Es wirkte, als ob er über irgendetwas nachdachte. Bestätigen tat sie seine Annahme mit einem angedeuteten Kopfnicken, war aber nicht bereit das näher zu erläutern. Er richtete sich wieder etwas auf und sagte dann: „Lucien.“ Für einen Moment war sie verwirrt, dann begriff sie, dass das die Antwort auf ihre Frage gewesen war. „Wieso lässt du sie nicht zu?“

Weil ich nicht so extrem scharf auf die Visionen bin. Ich will sie nicht haben.“ Zwar kam sie sich bei diesen Worten vor, wie ein kleines, bockiges Kind, doch es war die Wahrheit.

Warum?“

Das musst du Fragen?“ Irgendetwas Dunkles funkelte in seinen Augen und Cécile lenkte sofort ein. „Die Dinge, die ich sehe, sind nicht angenehm. Das müsstest du doch wissen. Niemand kennt so viele von meinen Visionen, wie du. Es ist nicht schön das zu sehen.“ Ein Blitz erhellte den Raum und der Donner folgte so schnell und so laut, dass Cécile heftig zusammenzuckte.

Lucien hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Es wirkte beinahe so, als denke er über irgendetwas intensiv nach, dann schließlich hatte er offensichtlich eine Entscheidung getroffen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die sie sprachlos machte, verkündete er: „Ich werde hier bleiben.“

Wie bitte?“ Der jungen Frau waren alle Gesichtszüge entglitten und irgendwie rechnete sie damit, dass er nur einen eigenartigen Sinn für Humor hatte, doch in seinem Gesicht war keine Spur von Belustigung oder sonst einem Gefühl zu erkennen, das auf einen Spaß hinweisen würde. „Das ist ´nen Scherz, oder?“ Die Unsicherheit war deutlich in ihrer Stimme zu hören.

Es dauerte wieder einen Moment, in dem Lucien sie nur aus unergründlichen Augen musterte, bevor er richtigstellte: „Ich mache keine Scherze.“ Dabei klang seine Stimme so ernst, als wäre schon die Idee allein absurd. Céciles Nackenhaare stellten sich noch ein wenig mehr auf. Diese absolute Arroganz, mit der er offenbar davon ausging, dass sich das Thema damit erledigt habe, ließ sie wütend werden.

Du kannst aber nicht einfach so entscheiden, hier zu bleiben“, bemühte sich Cécile, ihn in seine Schranken zu verweisen. Schon direkt nachdem sie das ausgesprochen hatte, bereute Cécile die Worte wieder. Denn Luciens Haltung veränderte sich auf eine schwer fassbare Art und Weise und es schien plötzlich eine unsichtbare aber doch sehr reale Gefahr in der Luft zu liegen.

Und wer glaubst du, wird mich daran hindern? Du?“ Bei diesen Worten lag Spott und eine schier grenzenlose Arroganz in jeder Silbe. Cécile kam sich vor wie ein dummes, kleines Kind, das eine wahrhaft dämliche Frage gestellt hatte. Es schien fast so, als ob seine Augen dunkler geworden wären und ein weiterer Blitz tauchte das Zimmer in sein unheimliches Licht und ließ Lucien noch bedrohlicher wirken.

Am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongerannt. Ihre Gabe kratzte schon wieder an ihrem Verstand und sie hatte Mühe ihre aufgebrachten Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig gab es hier aber einen deutlichen Klärungsbedarf und sie musste dringend Grenzen ziehen, an die auch er sich zu halten hatte, das war ihr klar, doch heute würde sie die Schlacht nicht mehr gewinnen können. „Wie lange willst du bleiben?“ Bei diesen Worten machte sie sich nicht einmal die Mühe zu verhehlen, dass sie von der Idee überhaupt nichts hielt.

Bis ich genug habe.“ Rein sachliche Worte, die langsam und offenbar äußerst bedacht gewählt waren und Cécile dazu brachten, heftig die Zähne zusammenzubeißen um ihn nicht direkt anzufahren. Ein neuerliches Donnergrollen rollte über die Burg und sie spürte die Vibration, die dieses auslöste.

Die Flammen im Kamin prasselten ruhig vor sich hin und spendeten eine sanfte Wärme. Für einen Moment konzentrierte sich die junge Frau auf diese Empfindungen, bevor sie sich ihm erneut zuwandte. „Wir werden morgen über einige Dinge reden müssen, Lucien.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten erhob sie sich. „Komm mit, dann zeig ich dir, wo du schlafen kannst.“ Er kniff die Augen ein klein wenig zusammen und wirkte fast, als habe sie etwas Unerhörtes getan, doch überraschenderweise bewegte er sich. Geschmeidig wie eine Raubkatze und – ohne Frage – sicher mindestens genauso tödlich, stand er auf. Instinktiv vergrößerte sie den Abstand zu dem Mann ein wenig, atmete dann tief durch und machte sich dann mit einem unguten Gefühl auf den Weg.

Die einzigen Zimmer in der ganzen Burg, die soweit hergerichtet waren, dass man sie beziehen konnte, lagen im Burgenflur. So nannte sie diesen langen, einsamen Flur mit den vielen Türen und den Gemälden, die ausnahmslos andere Burgen zeigten und deren tieferer Sinn ihr bisher verborgen geblieben war. Eigentlich hätte sie ihn viel lieber am anderen Ende der Burg untergebracht, doch das war so, wie es dort derzeit aussah nicht möglich. Innerlich fluchte sie darüber. Vor einer großen Tür mit unzähligen Ornamenten hielt sie an und wandte sich dem Mann zu, der ihr, für ihren Geschmack viel zu dicht gefolgt war. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und sie unterdrückte den Wunsch zurückzutreten, um etwas mehr Abstand zu halten. Der Geruch nach Zedernholz und Weihrauch stieg ihr wieder in die Nase. „Hier“, murmelte sie kurz angebunden und deutete auf die Tür. Sein Blick ruhte auf ihr und für einen Moment regte sich keiner, doch dann nickte er langsam. „Gute Nacht.“ Mit diesen Worten wich sie zurück, fuhr auf dem Absatz herum und war mit einigen schnellen Schritten bei einer Tür, die nur ein Stück den Gang hinunter auf der anderen Seite lag. Als sie, bevor sie in das Zimmer dahinter verschwand, noch einmal zurückblickte, bemerkte sie, dass der Mann seine Hand auf die Türklinke gelegt hatte, ihr aber hinterher sah.

Schnell betrat sie in dem Raum hinter der Tür, schloss diese eilig und drehte den Schlüssel um. Sie lehnte sich kurz mit dem Rücken gegen die Tür und atmete tief durch. Das Zimmer war chaotisch, überall standen Kartons zwischen den antiken Möbeln, die sie bisher teilweise nicht einmal geöffnet hatte. Noch immer war sie sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war hier herzukommen, doch es gab wahre Unmengen an Dingen, die sie noch klären musste. Sie hatte es ihrem Opa versprochen. Bei dem Gedanken an ihren Großvater lief ihr eine einsame Träne über das Gesicht. Dann gab sie sich innerlich einen Ruck, durchquerte das Zimmer und betrat das Bad, das sich hier anschloss. Schnell duschte sie und kehrte dann in einem blauen Schlafanzug in ihr Zimmer zurück, wo sie direkt das große Bett aus dunklem Holz mit den edlen Schnitzereien und dem dunkelblauen Baldachin ansteuerte. Die Trauer über den Verlust, den sie erlitten hatte, erfüllte sie. Zwar war sie mit ihm nicht immer einer Meinung und empfand seine Begeisterung für Geheimnisse und seine Tätigkeit als Wissenshüter manchmal als sehr belastend, doch sie hatte diesen Mann geliebt, der sie so viele Jahre großgezogen hatte.

Die Vision pochte immer deutlicher gegen die Mauer, die sie um ihren Geist gezogen hatte. Heute würde sie ihr nicht mehr entgehen und so kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und unter die Decke, bevor sie die Tür in ihrem Geist öffnete und ihre Gabe aktiv werden lies. Die Vision riss sie in die Tiefe, in einen sich immer schneller drehenden Strudel aus Gefühlen und Bildern, der erst nach einer Weile langsamer wurde und sie losließ.

Fortsetzung folgt…

Sensorische Begabung bei Venatoren

Der Ursprung der Bezeichnung Venator (lateinisch, „Jäger“) kann historisch nicht festgelegt werden, obwohl der Grund für den Namen offensichtlich ist. Homo Egeiro Kynigos zeichnen sich vor allem durch ihre Begabung für und ihren Instinkt zur Jagd aus.

Wichtigste Begabung eines Venators ist ihr sog. „Jagdsinn“, ein zusätzliches, von Trägern nur zu meiner Unzufriedenheit beschreibbares Gespür für andere Erwachte. Unter normalen Umständen weiß ein Venator jederzeit um Richtung und Abstand aller erwachten Wesen in etwa einer Landmeile Abstand um ihn herum Bescheid. Darüber hinaus kann er auch noch die ungefähre Stärke der jeweiligen Begabung bestimmen und erkennen, ob sie eher mentaler oder physischer Natur ist. Manche besonders markante Begabungen (wie beispielsweise andere Kynigos) kann ein erfahrenes Exemplar sogar exakt bestimmen.

Prof. Dr. rer. nat. Eleysius Bornkamp, h.c

Allgemeines über Venatoren

Der Venator (Homo Egeiro Kynigos, lit. „erwachter Jäger“) ist eine außergewöhnliche Subspezies des Homo Egeiro, oder, im Laienvokabular, des Erwachten Menschen. Als eins der Talenti Majora ist sie wie die meisten großen Begabungen erblich und tritt selten spontan auf. Ein Ursprung für den genetischen Faktor konnte bisher nicht sicher belegt werden, doch die Theorien reichen vom theologischen (Venatoren als Götterboten, Gesegnete, Verfluchte, Bestrafte) über das Banale (vergl. Comic-Superhelden) bis zum paranoid-fantastischen (Aliens, transdimensionale Wanderer, etc.).

Venatoren werden wegen ihrer außergewöhnlichen Begabung historisch entweder verehrt oder verfolgt und grenzen sich dadurch oft in Charakter und Kultur ähnlich stark von anderen Homo Egeiro ab wie in ihren Fähigkeiten.

Prof. Dr. rer. nat. Eleysius Bornkamp, h.c

Venatoren

Auszug aus der Chronik „Die erwachte Welt – Band 2: Katalogisierung der Rassen und Fähigkeiten“ von Wilhelm, Cornelius Ackermann, Gelehrter und Hexer (2003)

Venatoren zeichnen sich vor allem durch ihr Gespür aus, das ihnen erlaubt jeden Erwachten und jede erwachte Kreatur in ihrem Umkreis genau zu lokalisieren und zum Teil auch zu analysieren. Des Weiteren besitzen sie einen schier unerschöpflichen Drang zu jagen. Einmal entfesselt, verwandelt er einen Venator in ein, auf die Jagd fixiertes, Raubtier, das erst dann wieder unter Kontrolle zu bringen ist, wenn es seine Beute erlegt hat. Interessanterweise, scheint hierbei der Tod der Beute nicht zwangsläufig erforderlich zu sein, was erklärt, wieso es immer wieder traumatisierte Opfer, dieser Übergriffe gibt. Mit zunehmendem Alter scheint die Häufigkeit für Gewalttaten und fortgeschrittener Geisteskrankheit, die zumeist brutale, unmenschliche Massaker anrichtet, zuzunehmen. Gleichzeit steigen mit dem Alter auch die Fähigkeiten eines Venators, was es zu einer üblichen Praxis hat werden lassen, Venatoren schon kurz nach ihrem erwachen zu töten, bevor sie in die Lage kommen ihrerseits ein Blutbad anzurichten. Eine weitere Eigenart dieser erwachten Spezies scheint es zu sein, dass sie irgendwie über eine Art kollektives Gedächtnis verfügen. So berichten einige, sie würden Dinge in ihren Träumen erleben, die ein anderer Venator selbst auch erlebt hat. Unklar ist, ob es sich hierbei nur um eine weitere Psychose handelt, die das Venatorensein mit sich bringt oder um eine reale Verbindung. Es steht zu vermuten, dass es eine genetische Komponente gibt, die sich vererbt und diese erwachte Form hervorbringt. In den seltenen dokumentierten Fällen, in denen Venatoren Kinder gezeugt oder geboren haben, entwickelten diese fast immer die Fähigkeiten des Venators. Dies lässt die Vermutung zu, dass das Venatorengen, wir gehen im weiteren davon aus, dass ein solches Gen existiert, dominant vererbt wird.
Sollte man selbst einem Venator begegnen, sollte man vermeiden in Panik zu geraten oder gar wegzulaufen. Ähnlich wie bei wilden Tieren, löst jeder Fluchtversuch sofort den Jagdtrieb aus. Deshalb heißt die oberste Regel: Ruhe bewahren und sich möglichst passiv verhalten. Hilfe rufen, wenn möglich.

Die erwachte Welt

Auszug aus der Chronik „Die erwachte Welt – Band 1: Eine Einführung“ von Wilhelm, Cornelius Ackermann, Gelehrter und Hexer (2001)

Unsere Welt teilt sich in zwei Gruppen. Die erste Gruppe sind die Träumer, sie leben ihr Leben, gehen ihrer Arbeit nach, und das einzige Spannende in ihrem Leben ist der Tratsch in der Mittagspause und das Fernsehprogramm nach Feierabend.

Doch mitten unter ihnen, gut verborgen, lebt die zweite Gruppe: Die Erwachten. Sie zeichnen sich durch eine fantastische Vielfalt an Fähigkeiten und Gaben aus, die der ersten Regel des Internets folgen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die meisten sind unscheinbar und harmlos, aber es finden sich auch alle möglichen Begabungen und Rassen aus Mythen, Legenden und Superheldencomics.
Wegen der Verfolgung und Ausgrenzung durch die Träumer hat sich über die Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft herausgebildet, deren Existenz unbedingt geheim gehalten werden muss.