Cécile – Hort der Geheimnisse II –

Der Kreis

Die Dämmerung war schon weit fortgeschritten, als die junge Frau ihren Rucksack absetzte und den Besen in die Hand nahm. Ihr dunkelbraunes Haar bewegte sich sanft im Wind und die silberne, halbmondförmige Spange mit dem hellblauen Stein bildete einen guten Kontrast dazu. Sie war mit einem roten, samtenen Oberteil mit Fledermausärmeln und einem schwarzen samtenen Rock bekleidet, der an ihrer Ferse nur wenige Zentimeter über dem Boden endete und vorn nur bis knapp über die Knie reichte. Mit nackten Füßen schritt sie gemächlich auf der kleinen Lichtung umher, die mit zunehmender Dunkelheit ruhig und mystisch wirkte. Der Mond war schon in seiner vollen Pracht über den Wipfeln der Bäume zu sehen und versprach diesen Ort in sein silbernes, blasses Licht zu tauchen. Etwas, das schwer in Worte zu fassen war, lag in der Luft. Die Stimmen der Tiere des Tages verklangen, einige Fledermäuse huschten über den Himmel und die nachtaktiveren Wesen begannen munter zu werden.

Voller Hingabe fegte die Frau den Platz und befreite den felsigen Untergrund von allen Nadeln und Blättern, die der Wind hier her geweht hatte. Das Geräusch des Besens auf dem Stein und das Rascheln der Blätter ergaben eine fremde und doch vertraute Melodie. Beinahe war, es als tanzte die junge Hexe über den Boden, ihre Füße schwebten nur so über den Stein, das Haar flatterte hinter ihr her, während sie ein ums andere Mal mit dem Besen einen etwa kreisrunden Bereich säuberte.
Die Dunkelheit hatte sich schon vollständig über die kleine Lichtung gelegt, als sie endlich mit ihrem Werk zufrieden war. Langsam schritt sie zum Rucksack zurück, ging vor diesem in die Hocke und holte einige Dinge hervor. Eine Flasche mit frischem Wasser, einen kleinen Lederbeutel und eine silberne Schale legte sie links von sich ab. Ein großes Messer in einer ledernen Scheide platzierte sie nun genau vor sich und rechts von ihr fanden ein Stück Räucherkohle, ein weiteres, kleines Säckchen aus Leder und ein Räuchergefäß ihren Platz.

Weißes, langes Haar bewegte sich währenddessen sanft zwischen den tiefhängenden Ästen zweier Buchen. Der Mann hatte das Treiben auf der Lichtung bemerkt, drückte sich tief in die Schatten und beobachtete, was dort vor sich ging. In seinem Gesicht zuckte es mehrfach und die Knochen seiner Finger traten hell hervor, als er die Hand zur Faust ballte. Obwohl er gerade noch gelaufen war, ging sein Atem wieder ruhig und beherrscht und so stand er vollkommen regungslos dort und besah sich das Schauspiel, das sich ihm bot.

Die Kohle entzündete die Dunkelhaarige mit geübten Bewegungen und streute einige Körnchen Weihrauch darauf. Der sanfte Geruch verbreitete sich schnell und die junge Frau genoss den Duft sichtlich.

Einen Moment später erhob sie sich, hielt das Räuchergefäß vor sich und wedelte mit der anderen Hand den aufsteigenden Rauch fort. „Ich reinige diesen Ort mit Feuer und Luft!“, sprach sie mit fester, ruhiger Stimme und zerriss damit die Stille, die diesen Ort eingehüllt hatte. Kraftvoll erfüllte sie die Lichtung, doch der Klang störte dabei nicht die Ruhe dieses Ortes, viel mehr schien ihre Stimme ein Teil dieses Platzes zu sein, fast hatte man den Eindruck, als halte selbst der Wald den Atem an, um ihren Worten lauschen zu können. Mehrfach schritt sie umher und verteilte den feinen Geruch nach Weihrauch auf der Lichtung und wiederholte die Formel. Schließlich kehrte sie zur Mitte zurück.

Abwartend und darauf bedacht nicht gesehen zu werden, drückte sich der Mann mit den schneeweißen Haaren weiter in die Schatten. Er hatte den Kopf leicht schräg gelegt und es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht so recht wusste, was die Gestalt dort unten nun eigentlich tat. Neugier stand in seinem Gesicht geschrieben, doch in seinen blauen Augen fand sich noch etwas dunkleres, etwas, dass der Frau dort unten sehr gefährlich werden würde, wenn seine Neugier nachließ.

Nachdem sie das Räuchergefäß abgestellt hatte, nahm sie die Schale und goss das Wasser in diese hinein. Dann entleerte sie den ledernen Beutel ebenfalls. Vorsichtig nahm sie die Schale auf, rührte die Flüssigkeit mit dem Finger durch und begann dann den Ort mit dem Wasser zu besprenkeln. „Ich reinige diesen Ort mit Wasser und Erde“, verkündete sie, schritt weiter umher und wiederholte auch diese Worte mehrfach.

Er duckte sich tiefer in die Schatten, als sie sich direkt in seine Richtung wandte. Die Neugier war verschwunden und blanker Hass war an ihre Stelle getreten. Vollkommen regungslos beobachtete er, wie sie weiterhin die Flüssigkeit verteilte und dabei mehrfach diese Formel aussprach. Schließlich stellte sie auch die Schale ab, griff nach dem Messer und zog dieses aus der Scheide. Der Mond fing sich auf dem Stahl der Klinge und ließ ihn gefährlich aufblitzen.

Mit dem Messer in der Hand trat sie an den Rand des von ihr gereinigten Bereiches. Die Spitze der Waffe wies auf dem Boden und mit gemächlichen Schritten ging sie einen Kreis. Fest klang ihre Stimme, als sie dabei sprach: „Ich erschaffe einen Raum, jenseits dieses Raumes. Ich erschaffe einen Ort jenseits dieses Ortes. Ich erschaffe eine Zeit, jenseits dieser Zeit.“ Sie schien keine Eile zu haben, weder beim dreifachen Umschreiten des Kreises, noch bei den rituellen Worten, die sie dabei aussprach.

Im Norden beendete sie das Ziehen des Kreises und sie hob die Arme. Das Messer blitze erneut im Licht des Mondes auf. „Dreimal habe ich den Kreis umschritten, kommt her ihr Mächte, lasst euch bitten. Kommt mit Feuer, kommt mit Wasser, kommt mit Luft, und kommt mit Erde, auf das der Kreis geweiht sein werde.“
Die Luft auf der kleinen Lichtung schien zu vibrieren und im Nacken des Beobachters stellten sich die Härchen auf. Entschlossenheit stand auf seinem Gesicht und er suchte die Lichtung und den Wald mit seinen Augen nach anderen Bedrohungen ab. Dann kehrte sein Blick zu dem Menschen auf der Lichtung zurück.
Währenddessen war die Hexe an den östlichsten Punkt getreten, zeichnete ein aufrechtstehendes Pentagramm mit dem Messer in die Luft und sprach: „Ich rufe dich Wächter des östlichen Tores, Herr des Ostwindes und Herr des Luftelements. Herr über die Geister der Luft, komme herbei und segne meinen Kreis. Euros, bi än scho änisch, Euros, bi än scho änisch, Euros, bi än scho änisch.“

Bei den fremdartigen Worten verharrte er wieder still und blickte aufmerksamer hinab auf die Lichtung, derer er sich langsam im Schutz der Dunkelheit näherte. Ein Raubtier auf der Jagd, dass sich seiner Beute schon sehr gewiss war. „Sei mein Gast, sei willkommen!“, drang die Stimme der jungen Frau zu ihm herüber. Dann wandte sie sich um und und schritt auf dem südlichsten Punkt ihres Kreises zu. Als sie den Arm mit dem Messer hob, schlich er weiter.

„Ich rufe dich Wächter des südlichen Tores, Herr des Südwindes und Herr des Elementes Feuers. Herr über die Geister des Feuers, komme herbei und segne meinen Kreis. Nothus, bi än scho änisch. Nothus, bi än scho änisch. Nothus, bi än scho änisch“ auch bei diesen Worten zog sie ein aufrechtstehendes Pentagramm in die Luft. „Sei mein Gast, sei willkommen!“

Beide setzten ihren Weg fort. Der Mann näherte sich wie ein Schatten weiterhin der Baumgrenze, während sie den westlichsten Punkt erreichte. Erneut erklang ihre Stimme fest und ohne ein Zögern: „Ich rufe dich Wächter des westlichen Tores, Herr des Westwindes und Herr des Elements Wasser. Herr über die Geister des Wassers, komme herbei und segne meinen Kreis. Zephyrus, bi än scho änisch. Zephyrus, bi än scho änisch. Zephyrus, bi än scho änisch. Sei mein Gast, sei willkommen!“ Auch dieses Mal zog sie das aufrechtstehende Pentagramm in die Luft.

Noch immer außer Sicht der jungen Frau verharrte er kurz und beobachtete noch einmal ihr tun. Er konnte offensichtlich nicht so recht einschätzen, was die Gestalt dort gerade vorhatte und doch war er fest entschlossen seinen Plan in die Tat umzusetzen. Seine Augen wanderten weiter, suchten die Bäume, Büsche und Schatten rund um die Lichtung ab, doch nichts schien sein Interesse zu erregen. Vorsichtig schlich er weiter, im Schutz der Bäume um den Ritualplatz herum, dabei galt seine Aufmerksamkeit im Moment weniger der jungen Frau, sondern mehr seiner Umgebung, doch so wie es schien, war niemand außer ihnen dort.
Im Norden angekommen, erhob die Frau erneut die Klinge und begann das Schutzsymbol in die Luft zu ziehen, während sie rief: „Ich rufe dich Wächter des nördlichen Tores, Herr des Nordwindes und Herr des Elements Erde. Herr über die Geister der Erde, komme herbei und segne meinen Kreis. Boreas, bi än scho änisch. Boreas, bi än scho änisch. Boreas, bi än scho änisch. Sei mein Gast, sei willkommen!“

Er hatte die Lichtung nun einmal umrundet, doch es blieb dabei. Außer ihr waren keine Menschen hier draußen unterwegs. Eisige Kälte stand in seinem Blick, als er den ersten Schritt zwischen den Bäumen hervortrat.

Die junge Frau hatte sich herumgedreht und blickte nun in die Mitte des Kreises. Ohne zu zögern fuhr sie fort: „Ich rufe die Macht der Mächte und verneige mich in Demut vor euch. Ich bin eure Tochter. Mutter allen Seins, deine Krone ist der Himmel und jeder Stern ist ein Edelstein. Vater, dein Angesicht ist das Dunkel des Universums. Mutter, ich rufe dich bei deinen alten Namen: Isis, Astarte, Diana, Hekate, Demeter, Kali, Inana, Freia. Vater, ich rufe dich bei deinen alten Namen: Ra, Jupiter, Jave, Shiva, Cernunos, Nana, Wotan, Zeus. Seid bitte meine Gäste bei diesem Ritual. Schenkt mir Macht und Kraft. Leitet mich durch eure Weisheit. Leitet mich bitte in meinem Ritual. Seid meine Gäste. So sei es! Gesegnet sei es! Seid willkommen!“ Sie verneigte sich tief vor der Mitte des Kreises und wirbelte dann herum, als sie eine Bewegung wahrnahm.

Sie sah die Gestalt, die sich wie eine Raubkatze auf der Jagd näherte. Das Gesicht des Mannes mit den langen, weißen Haaren war schön, die Augen leuchteten schon aus der Entfernung heraus in einem so intensiven blau, dass es fast schon unnatürlich wirkte. Um seinen Mund lag ein harter Zug und auch in seinen Augen war keine Freundlichkeit zu entdecken. Genau wie sie selbst war er barfuß im Wald unterwegs, sonst trug er nur eine schmuddelige und verschlissen wirkende, graue Hose und ein einfaches graues T-Shirt, dass sich über einen muskulösen Oberkörper spannte und ebenfalls schmuddelig und abgenutzt wirkte.
Furcht trat in das Gesicht der jungen Frau und eine Spur Unglauben. Sie war überrascht und unsicher, trat von einem Bein auf das andere und schien nicht genau zu wissen, was sie nun tun sollte. Sie hob das Messer und deutete mit der Klinge auf den Mann, der sich weiter näherte. Nur noch wenige Meter trennten ihn von der unsichtbaren Linie, die sie gezogen hatte und von der sie nicht ganz sicher war, ob es ihn aufhalten würde. In den Augen, die sie an eine unberührte Lagune erinnerten, sah sie es kalt und sehr gefährlich aufblitzen, als sein Blick auf das Messer fiel, doch er schreckte nicht vor der Waffe zurück, obwohl er selbst offenbar unbewaffnet war. Ihr Atem beschleunigte sich und sie wich zurück, achtete aber darauf, den Kreis nicht zu verlassen.

Etwas ließ ihn langsamer werden und er verharrte dort, wo sie die Grenze ihres Kreises festgelegt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, begann er dieser Barriere zu folgen und den Kreis von außen abzuschreiten. Dabei sah er aus, wie ein Raubtier, das dem Verlauf seines Gehegezaunes folgte auf der Suche nach einer Schwachstelle.

Darauf achtend immer innerhalb des Kreises zu bleiben, wich die junge Hexe dem Mann aus. „Du bist nicht willkommen, GEH!“, forderte sie nachdrücklich, doch diesmal klang ihre Stimme nicht mehr ganz so fest und selbstsicher wie zuvor. Der Fremde zeigte auch keine nennenswerte Reaktion, nur in seinen Augen blitze es noch wütender auf, als sie ihm diesen Befehl erteilte.

Als er den Kreis einmal komplett umschritten hatte, blieb er stehen, hob die Hand und streckte diese nach der unsichtbaren Barriere aus. Es zischte gut vernehmlich und er riss die Hand zurück, als habe er auf eine heiße Herdplatte gefasst. Die junge Frau war deutlich überraschter als der Fremde, der sie nun aus schwarzen Augen musterte. Das strahlende, reine Blau war einer ölig, schwarzen Fläche gewichen, die keine Iris und kein weiß mehr hatte. Entsetzt und schockiert schlug sich die Dunkelhaarige die Hand vor den Mund und griff die Waffe ein wenig fester. „Dämon!“, entfuhr es ihr und pures Entsetzen und reiner Unglaube lagen in diesem einen Wort. Die Hand, die die Klinge hielt, begann deutlich zu zittern. Ein weiteres Mal hob er die Hand, diesmal behutsamer und darauf gefasst, was passieren würde und auch diesmal ließ sich ein leises Zischen vernehmen und wieder riss er die Hand zurück. Er wirkte sehr wütend und immer wieder zuckte es leicht in den ebenmäßigen Gesichtszügen des Mannes, der kaum älter als Mitte zwanzig sein konnte und doch vollkommen fremdartig wirkte.

Keiner von ihnen regte sich. Nur der Wind strich über die Lichtung, auf der sich die beiden nun gegenüberstanden. Die junge Hexe zitterte vor Furcht und überlegte sichtlich angestrengt, was sie nun tun sollte. Ihr entging nicht, dass seine Augen schon bald wieder dieses hypnotische Blau angenommen hatten, das ihr schon bei seiner Annäherung an ihren Kreis aufgefallen war.

Sein Blick glitt über das Messer in ihrer Hand. Er registrierte, dass es nicht so aussah, als ob sie mit der Klinge umgehen könnte. Dann zog die Schale seine Aufmerksamkeit auf sich und er maß sie mit einem kurzen Blick. Doch als er wieder in ihr Gesicht sah, erkannte er, dass er einen Fehler gemacht hatte, denn ihr Blick war seinem gefolgt, und nun griff sie nach der Schale. Es sah unsicher aus und nicht so, als wüsste sie, was damit zu tun sei, doch er wich instinktiv einen Schritt zurück.
„Ich will dir kein Leid zufügen, also geh einfach!“, forderte sie ihn auf. Ihre Stimme klang dabei voller Furcht und doch schwang eine unsichere Drohung in den Worten mit. In der einen Hand das Athame, in der anderen die Schale mit dem restlichen Salzwasser stand sie nun da und kam sich dabei mächtig albern vor. Wenn sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass das hier kein Spaß war, dann hätte sie wohl gelacht, doch so wartete sie einfach ab und versuchte nicht darüber nachzudenken, wieso etwas Salzwasser diesem Wesen solches Unbehagen bereitete.
Wieder zuckte es im Gesicht des Mannes und nur träge machte er einen weiteren Schritt zurück. Der Ärger stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch dann wandte er sich tatsächlich ab und entfernte sich eilig. Die junge Frau atmete auf und beobachtete, wie seine Gestalt zwischen den Bäumen verschwand und schon bald von der Dunkelheit verschluckt wurde. Langsam senkte sie die Waffe und entspannte sich ein klein wenig. Dann trat sie an den Rucksack heran, goss das restliche Wasser weg und räumte alles soweit wieder ein. Immer wieder blickte sie sich um, doch die Kreatur blieb verschwunden.

Nicht mehr ganz so selbstsicher und deutlich furchtsamer, flüsterte sie dann: „Mutter und Vater ich danke euch dafür, dass Ihr hier wart und mich unterstützt habt. Schützt mich in meinen täglichen Leben und gebt mir euren Segen.“ Unsicher und sehr vorsichtig trat sie wieder an den nördlichsten Punkt des Kreises. Mit zittriger Hand hob sie das Messer verharrte aber und rührte sich nicht, während ihr Blick die Wälder absuchte.

Von einem stabilen Ast aus blickte der Weißhaarige zurück zur Lichtung. Er hatte die Stirn gerunzelt und betrachtete kurz die leichte Rötung auf seiner Hand. Dann blickte er zu der Frau hinab und legte den Kopf leicht schräg. Entschlossenheit lag noch immer auf seinen Zügen, während er geduldig beobachtete, was die Frau dort nun weiter tat.

„Boreas, Herr des Nordwindes ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin wo hin du musst.“ Sie sprach leise und gedämpft und sehr eilig. „Nichts gehört.“

Dann eilte sie weiter nach Westen. Wieder glitt ihr Blick über die Bäume, dann erst hob sie ihre Hand und zeichnete das bannende Pentagramm in die Luft und sprach: „Zephyrus, Herr des Westwindes ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wo hin du musst. Nichts gesehen.“ Schon machte sie sich auf den Weg zum südlichsten Punkt ihres Kreises.

Sofort zeichnete sie eilig das bannende Pentagramm in die Luft, ihre Augen glitten erneut über die Wälder um sie herum. „Nothus, Herr des Südwindes, ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wohin du musst.“ Nur einen kurzen Blick warf sie in die Runde, bevor sie weitereilte mit den Worten: „Niemand da gewesen.“

Im Osten angekommen warf sie noch einmal einen langen Blick dorthin, wo der Mann verschwunden war. Sie zögerte ein weiteres Mal sichtlich, dann hob sie das Athame und sprach: „Euros, Herr des Ostwindes, ich danke dir für dein hier sein und das du mein Ritual unterstützt hast. Sei auch demnächst wieder mein Gast. Wenn du bleiben willst, dann bleibe oder gehe hin, wo hin du musst. Keiner hat etwas gemerkt.“

Nun begann sie erneut den Kreis zu umschreiten und murmelte aufgeregt: „Ich schaffe den realen Raum in diesen Raum. Ich schaffe den realen Ort, an diesem Ort. Ich schaffe die reale Zeit in dieser Zeit.“ Dann schnappte sie sich ihren Rucksack und den Besen und rannte förmlich von der Lichtung.

Geschmeidig glitt der Dämon von seinem Ast und folgte der Frau, die sich eilig, wenn auch etwas umständlich von der Lichtung entfernte. Neugier stand wieder in seinem Gesicht, doch in seinen kalten, blauen Augen glomm auch immer noch ein unstillbarer Hass.

Cécile schreckte aus ihrer Vision hoch. Es war dunkel um sie herum. Sie setzte sich auf, krallte die Hände in die Bettdecke und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten, in dem sie kaum die Umrisse der Möbel erkennen konnte. Für einen Moment setzte ihr Herzschlag aus, als sie die Silhouette einer großen Gestalt an ihrem Bett erkannte. Eilig griff sie nach der Lampe, die neben ihr auf dem Nachtschrank stand, doch als das Licht den Raum flutete und sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, war niemand mehr zu sehen. Mit schnell schlagendem Herzen schaute sie sich um, doch das Zimmer blieb leer. Obwohl es sicher albern war, beugte sie sich hinab und warf sogar einen schnellen Blick unter das Bett.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ihre Visionen ihr in das Wachsein hinein folgten und wäre da nicht dieser unheimliche Kerl, der nur wenige Meter entfernt war, dann hätte sie wohl auch nicht viel darauf gegeben. Doch Lucien war nun mal hier und sicher war sicher.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und schlich zur Tür hinüber. Sie betätigte die Klinke, doch die Tür war verschlossen. Sie atmete auf und schalt sich selbst eine Idiotin. Trotzdem glaubte sie nun auch noch den unverkennbaren Geruch nach Sandelholz und Weihrauch wahrzunehmen. Cécile mochte den Geruch von Weihrauch. Sie dachte einen Moment über diesen Fakt nach und schließlich kam sie zu der Einsicht, dass ihr dieser Duft ihr sicher noch aus der Vision heraus in der Nase lag und sie sich den Rest einfach eingebildet hatte. Allein die Vorstellung, dass es etwas anderes als Spuren ihrer Gabe sein könnten, bereitete ihr Unbehagen. Schnell huschte sie zurück ins Bett und kletterte unter die noch warme Decke. Sie hatte keine Anhaltspunkte dafür, wo sich die junge Hexe befunden hatte und selbst wenn sie es gewusst hätte, würde sie wohl zu spät kommen, um an dem Schicksal, das ihre bevorstand noch etwas zu ändern. Geistern entkam man nicht, das hatte sie in ihren Visionen mehr als einmal erleben müssen. Sie seufzte, kramte in ihrem Nachttisch nach einem kleinen Büchlein und einem Stift und notierte sich die Vorgänge kurz. Dann gähnte sie herzhaft und beschloss sich noch etwas Schlaf zu gönnen, der morgige Tag würde vermutlich anstrengend genug werden, denn immerhin musste sie es irgendwie schaffen, den Fremden wieder loszuwerden.

Fortsetzung folgt …

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