Schicksalhafte Begegnungen 1 – Chantals Besuch – Tacoma

Chantal zögerte noch einen Moment, dann ließ sie ihren Wagen an und fuhr los. Ihr Ziel lag in Nordtacoma, es war ein kleiner Laden für Computer und Zubehör, der sich wohl vor allem auf das Aufmotzen der Rechner verstand und in dem man aus diesen, kleine Kunstwerke machte. Genau genommen ging es weniger um den Laden selbst, als mehr um einen der beiden Inhaber des Ladens, den Chantal persönlich kennenlernen wollte.
Der Grund ihres persönlichen Besuchs war offiziell das Abholen einer Auftragsarbeit für eines ihrer Kinder, zumindest würde es das sein, was sie erzählte, wenn es zu Fragen kommen würde. Doch der eigentliche Grund war ein Kommentar, den Victor, einer ihrer engsten Vertrauten, gemacht hatte. Wenn dieser Recht hatte, dann steckte der Mann in ziemlichen Schwierigkeiten, wenn er erwachen würde. Im Nordgebiet würde man nicht lange fackeln, wenn ihre Befürchtungen stimmten. Insgeheim hegte sie die Hoffnung, dass sie genug Kontakt aufbauen konnte, bevor dies geschah und dass es ihr so gelingen würde, ihm zu helfen, ohne das dies ernste Probleme mit dem Nordgebiet bringen würde.
Etwa eine halbe Stunde später hielt der rote Sportwagen direkt vor dem kleinen Laden und sie stieg aus. Über der schmalen Ladenfront hing ein altmodisches Straßenschild aus Kupfer in Form eines stilisierten PC-Towers, und ein Schriftzug an der Hauswand verriet ihr, das sie in der Tat bei M&S war. Das eine Schaufenster zeigte einige abenteuerliche Gehäuse in Chrom, Leder und Plastik, allerhand bunte Leuchten und Elektronikbauteile.
Chantal betrat den kleinen Laden und sah den jungen Mann, von dem sie bisher nur einige Fotos gesehen hatte. Er mochte so Anfang 30 sein. Braunes, kurzes Haar, freundlichen Ausdruck im Gesicht und die sorglose Unbeschwertheit, die meist den Träumern vorbehalten blieb. Die braune Lederjacke, das rote Button-Up-Hemd, die Bolo-Krawatte und Cordhose dazu waren definitiv ein exzentrischer Kleidungsstil, und nicht unbedingt das, was man von einem Computerspezialisten erwartete. Mittelgroß und nicht gerade ein Leistungssportler, aber schlank. „Guten Tag.“
Marc blickte von seiner Arbeit auf und sah die junge Frau mit den platinblonden Haaren, die zu einem festen Zopf gebunden waren, auf sich zukommen. Sie trug einen weißen Anzug und ihre Füße stecken in hochhackigen, teuren Schuhen, die bei jedem Schritt ein deutliches Klacken auf dem Boden ertönen ließen. Sie war schlank, sehr attraktiv und blickte ihn interessiert aus strahlend blauen Augen an. „Guten Tag“, erwiderte er und wandte ihr seine ganze Aufmerksamkeit zu.
„Newton ist mein Name. Ich bin hier, um meine Bestellung abzuholen.“
„Ah ja, die Dame mit dem Hochleistungsrechner.“ Marc nickte, bat sie einen Moment zu warten und verschwand nach hinten. Chantal ließ ihren Blick durch den kleinen Raum gleiten. Der Raum streckte sich nach hinten. Entlang der Wände waren weitere einzigartige Gehäuse ausgestellt. Links der Türe gab es einige wenige halbhohe Regalzeilen mit Bauteilen, bevor eine bequeme Sitzecke mit schweren Ledersofas den Raum beschlagnahmte, in deren Fokus ein großer Fernseher montiert war. An der Rückwand war eine Theke mit einem Kassen- oder Computersystem und einem komplex anmutenden Kaffeeautomaten und einem Teeregal und der Durchgang, aus dem Marc gerade mit einem Karton beladen, wieder in den Laden trat. Sofort begann er ihre Bestellung auszupacken. Auf einem neuen Rechner war mit Strasssteinchen der Name Denise verewigt worden und zumindest von außen entsprach alles ihren Vorstellungen. Zum Innenleben des Rechners hätte sie nicht viel sagen können, denn mit moderner Technik stand sie ziemlich auf Kriegsfuß.
„Sehr schön!“ Bei diesen Worten nickte die junge Frau und war sich sicher, dass sich Denise über ihr neues Spielzeug freuen würde. Aus ihrer Tasche holte sie einen kleinen Umschlag und legte, die noch nicht bezahlte Summe, in bar auf den Tresen, während Marc, den Rechner wieder gut verpackte und transportfähig machte.
„Es freut mich, dass er Ihnen gefällt und ich hoffe die Geschwindigkeit genügt ihren Anforderungen.“
„Wären Sie so freundlich und würden mir den Karton bitte nach draußen in meinen Wagen bringen?“
Sie hielt die Tür auf, während sie die Art, wie sich der Mann bewegte, genau beobachtete. Er stellte ihr den Karton gemäß ihren Wünschen in den feuerroten Porsche und bemerkte dabei gar nicht, dass die Frau jede seiner Bewegungen genau registrierte. Chantal bedankte sich und wollte gerade noch etwas sagen, doch da bemerkte sie ein junges Mädchen mit einem PC, die auf sie zukam. Sie erkannte sie in ihrem Gothicoutfit sofort, obwohl sie ihr nie zuvor begegnet war. Elliane lebte sein einiger Zeit im Nordgebiet und verbrachte viel Zeit mit Dante und Virgil, die das Nordgebiet führten. Damit war ihre Aufgabe hier erledigt, denn offensichtlich hatte man Marc Bermann im Nordgebiet schon bemerkt. Vermutlich wussten sie noch nicht, was aus ihm werden würde, doch sie konnte es in der derzeitigen Lage nicht riskieren, dass es zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd kommen würde. Auch war nicht gesagt, dass ihre Befürchtungen wirklich eintreten mussten.
Etwas unzufrieden darüber, dass sie hier nichts mehr tun konnte, bedankte sie sich noch einmal, stieg ein und fuhr davon. Chantal ärgerte sich darüber, dass sie nicht früher schon gekommen war, aber sie hatte um jeden Preis Aufmerksamkeit vermeiden wollen. Ein Teil von ihr wollte gerne eingreifen, aber ein anderer Teil wusste nur zu gut, dass das nur zu Eskalationen führen würde. Eskalationen, die sie sich im Moment einfach nicht leisten konnte. Es stand mehr auf dem Spiel als das Leben dieses einen Mannes.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.